Alligatoah

Alligatoah – Einsicht mit vielen Gesichtern

 

Alligatoah ist in vielen Dingen ein Mysterium. Obwohl man ihn Rapper nennt, singt er regelmäßig. Obwohl man ihm diverser Dinge Verherrlichung nachsagt, entsagt er eben jenen. Obwohl er irgendwo herzukommen scheint,ist er keiner regionalen Szene entsprungen! Der Künstler lässt seine Kunst sprechen. Dabei wandelt er zwischen den Genres und scheut sich nicht anzuecken: für die Rap-Szene ist er oft zu melodiös, für den Popmainstream haben seine Songs zu viel Text.

Was man von ihm weiß, ist nebulös: aufgewachsen in dörflichen Gefilden, als Sohn eines Theater-Schauspielers und einer Tänzerin, entdeckt der junge Lukas Strobel seine kreative Ader in der Natur: „Ich bin als Kind zwischen Bauernhöfen herumgetollt und durch den Wald gerannt und das war super. Auch heute noch fühle ich mich mit der Natur verbunden. Man findet mich oft zwischen Blumen, Bäumen und Wiesen“, sagte der Künstler 2013 Spiegel Online gegenüber. Einen Fernseher brauchte es nicht, um Weitsicht zu entwickeln!

Das Fenster zur Welt öffnete sich virtuell mit dem ersten Computer und einem Internetanschluss. Mit deutschem Rap entdeckte er ein sprachgewaltiges Medium, dass er schon bald um seine ganz eigene Niesche bereichern sollte. Im Gegensatz zum verschlafenen Dorf, bot ihm das Netz die erste Bühne für seine actiongeladenen, überzeichneten und satirischen Geschichten, die er im norddeutschen Jugendzimmer zu produzieren begann.

 

Schon zu Beginn seines musikalischen Schaffens definiert Alligatoah klar seine eigene Schublade: „Ich bin Schaupieler und schlüpfe in Rollen hinein“. Selbst seine unterschiedlichen Tätigkeiten bekamen eigene Namen. Mit den beiden Alter-Egos Kaliba 69 und DJ Deagle konnte er so zunächst für die Internetgemeinde als Band in Personalunion erscheinen. Weitere Charaktere folgten.

„Meine Rollen sind inspiriert von Gesprächen, Begegnungen Film und Fernsehen. Oft sind es Unsymphaten oder Antihelden. So kann ich mich auch ernsten Themen nähern“

Dabei verzichtet Alligatoah darauf, seine Position mit dem Zeigefinger zu verdeutlichen. Das Urteil über die von ihm verkörperten Figuren obliegt dem Publikum. Der Künstler macht sich mitunter zum Sprachrohr der niedersten Gedanken und des Terrors auf allen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens. Wer hinter den Texten einen verbitterten Misanthrop vermutet, hat weit gefehlt. Der Künstler versteht es, die Romantik in der Ernüchterung zu finden, eine Blüte auf dem Misthaufen hervorstechen zu lassen, ohne dabei die Nase zu rümpfen.

Leichte Melodien treffen schwere Themen, brutale Sprachbilder verpackt in spielerischen Wortwitz, süffisantes Mona-Lisa-Lächeln, als wäre es von Jack Nicholson interpretiert.

 

Im Jahr 2011 lernte Alligatoah den Trailerpark-Mitbegründer Timi Hendrix kennen, wieder war das Internet Treffpunkt. „Wir wurden aufeinander aufmerksam und bestätigten uns gegenseitig, dass wir die Songs des anderen für gut befinden würden. Deswegen wollten wir gemeinsam Musik machen und es entstand ‘Trostpreis’ als erstes gemeinsames Stück“, erinnert sich Strobel.

Als 2013 das Album „Triebwerke“ erschien und der Künstler langsam vom Geheimtipp zum Gesprächsthema der Rapmedien wurde, reagierte Alligatoah. Allen Erwartungen zum Trotz veröffentlichte er mit „Willst Du“ zwar einen veritablen Hit, der aber den Mainstream überforderte: Während sich vorsichtige Medienvertreter noch fragten, wie sie den Song zu verstehen hätten, heimste selbiger einen Erfolg nach dem anderen ein. Hatten die Medien die Rezipienten unterschätzt, tat der Künstler eben dies nie!

 

Alligatoah indes veränderte der Erfolg nicht. Er nutzte die neuen Möglichkeiten, um seine Live-Präsenz zu professionalisieren. War er bei der „Reise nach Jerusalem Tour“ nur mit seinem Live-Partner Battleboi Basti (in der Rolle des Buttlerboi) unterwegs, stellte er sich danach eine Band zusammen und baute die Show aus, indem er unter Anderem alle Bühnenbilder selbst gestaltete.

Auch abseits der großen Bühnen, die Alligatoah mit Leichtigkeit füllt, bespielt er gerne und regelmäßig kleine Locations. Dafür rief er die „Akkordarbeit“ ins Leben. Mit einem jährlich wechselnden Bühnenpartner im Duo werden vor allem Kulturbauten bespielt. Auch hier zeigt sich des Künstlers Faible für das Erschaffen von Gegensätzen, betreten doch einige der Fans erstmals derartige Konzertsäle. Während er im ersten Jahr von Sandro Giampietro auf der Gitarre begleitet wurde, folgte mit BRKN auf dem Klavier Onkel (eigentlich Drummer seiner Live-Band) mit Marimba- und Vibraphone. Im Jahr 2017 wird Alligatoah von Sebel und seiner Hammond-Orgel begleitet. Mit jeder Instrumenten-Kombination schafft Alligatoah eine neue Welt, kein Konzert gleicht dem vorherigen! Der Hauptact fordert seine Bühnenpartner, es entsteht ein Zusammenspiel, das bei jedem Auftritt aufs Neue ausgewogen wird.

 

Die Live-Shows folgen Alligatoahs kompromissloser Art der Produktion: er entwickelt Alles alleine, hat eine genaue Vision der Kunst und der Wirkungen, die er erzielen will.

 

Mit dem Album „Musik ist keine Lösung“ ging Lukas Strobel diesen Schritt weiter. Beschäftigte sich „Triebwerke“ mit den Auswüchsen und Spielarten der Liebe, widmete sich der Künstler auf seinem letzten Studioalbum dem Menschen an sich und dessen Gabe zur Zerstörung. Im Titeltrack geht er dabei mit sich selber hart ins Gericht.

 

Und eben vor dem jüngsten Gericht trifft man den Rap-Barden samt Kapelle in der dazugehörigen Tour-Besetzung. Die Bande erreicht scheinbar gemeinsam das Himmelstor, der Butler- wurde zum Beraterboi und Alligatoah und Band nehmen das Publikum mit auf eine fulminante Reise mit vielen Überraschungen und Fallstricken, wie Sie auch in des Künstlers Musik zu vernehmen sind. Jazzige Flöten und organisch gespielte HipHop-Drums treffen auf metal-lastige Gitarren und elektronische Synthis. Ob es den Helden der Geschichte gelingen wird, die Himmelspforte zu durchschreiten?

 

Alligatoah steht 2017 für eine beispiellose Einzigartigkeit und tritt weiterhin den Beweis an, dass populäre Musik nicht weichgespült und angepasst sein muss, sondern experimentell, hart und detailverliebt sein kann. Es ist für jeden etwas dabei, der keine Angst vor Worten hat. Wer bereit ist, dem ersten positiven Zyniker unter den Protestsängern bei seinen akustischen Drehbüchern über die Absurditäten des Weltgeschehens zuzuhören, wird auf seine Kosten kommen. Alligatoah ist durch seine Kunst ein nicht immer stiller Beobachter der Welt, der in diversen Zwischentönen Hauptsätze spricht und Perspektiven energetisch vermittelt, von denen er offen hält, wer diese jetzt eigentlich einnimmt.